Grüne Herbstklausur in Mainz
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Berlin - Als im April 1986 der Reaktorblock 4 von Tschernobyl hochging, saß ich für die Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin. Andeutungen über einen möglichen GAU in der Sowjetunion hatten uns alle in Alarmstimmung versetzt. Als erstes wollten wir die Bürger über mögliche gesundheitliche Folgen informieren. Wir haben den Menschen geraten, Lebensmittelvorräte anzulegen und ihre Kinder nicht draußen spielen lassen. Wir haben Druck auf den Senat und die Landesämter gemacht, damit endlich offizielle Informationen an die Öffentlichkeit gelangten.
Bei aller Hektik war es beklemmend, in einer eingemauerten Stadt mit der atomaren Wolke über uns zu sitzen. Eine surreale Situation: Am 30. April und 1. Mai schien die Sonne und die Berliner saßen mit ihren Kindern auf den Wiesen und Spielplätzen der Stadt. Wer sich vorher nicht mit dem Thema Radioaktivität beschäftigt hatte, kam gar nicht auf die Idee, dass es einen radioaktiven Niederschlag geben könne. Erst ab dem 2. Mai liefen dann die Telefone heiß: Die Fraktion verwandelte sich in ein riesiges Call-Center, das rund um die Uhr arbeitete. "Was dürfen meine Kinder, was ist in der Milch, kann ich den Hund ausführen?"
Auch mich selbst nahm das Ereignis mit. Als ich kurz nach Bekanntwerden der Katastrophe auf dem Heimweg vom Regen erwischt wurde, habe ich sämtliche Kleidungsstücke weggeworfen und eine halbe Stunde lang heiß geduscht. Dabei strömten auch die Tränen.
In Tschernobyl explodierte das sogenannte Restrisiko der Atomtechnologie. Es war nicht nur der GAU für die Menschen in der Ukraine und Weißrussland, deren Gesundheit und Lebenswelt zerstört wurden. Es war auch der GAU für jenen Machbarkeitswahn, der die Risiken der Atomenergie immer wieder heruntergeredet und geleugnet hatte - bis die Strahlenwolke Europa überzog.
Heute werden neue Mythen in die Welt gesetzt: Der Mythos einer Renaissance der Kernenergie und der Mythos von den sicheren Atomkraftwerken der dritten und vierten Generation. Solche Mythen sind gefährlich, sie verstellen den Blick auf die Wirklichkeit.
Tatsächlich werden weltweit derzeit weit weniger Atomkraftwerke neu gebaut als in den nächsten Jahren vom Netz genommen werden. Der Anteil der Atomenergie liegt schon jetzt weit unter fünf Prozent des globalen Endenergieverbrauchs, womit Atomenergie weltweit betrachtet für die Energieversorgung fast keine Rolle spielt.
Als Gefahrenpotential ist ihre Rolle hingegen immens und die Gefahr ist mit dem Erstarken des Terrorismus deutlich gestiegen. Jedes einzelne Atomkraftwerk stellt eine permanente Bedrohung für viele Millionen Menschen dar: Gegen Flugzeuge, die in ein AKW gejagt werden, schützt auch die ausgefeilteste Sicherheitstechnik nicht. Dennoch versuchen die Anbieter, ihre Anlagen in möglichst viele Länder zu verkaufen - auch um den Preis, dass im Windschatten der Reaktoren Atomwaffenprogramme gefahren werden. Die Proliferationsgefahr wäre ohne die Verbreitung der Atomkraftwerke weitaus geringer. Insofern greift auch der Atomwaffensperrvertrag zu kurz, da er die zivile Nutzung der Atomkraft ausdrücklich billigt.
Es gibt Alternativen: Was 1986 noch eine Sache für Bastler und Eliteforscher war, hat heute weltweit bereits Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen: der Sektor der erneuerbaren Energien. Deutschland gehört dabei zu den Spitzenreitern. Global tragen die erneuerbaren Energien um ein Vielfaches der Atomenergie zur Energieversorgung bei. In Deutschland ist der Zuwachs inzwischen so rasant, dass sämtliche wegfallenden Atomkraftwerke allein durch erneuerbare Energien ersetzt werden könnten. Daran konnte auch der heftige Widerstand von Energiekonzernen und Vertretern von Union, FDP und Teilen der SPD nichts ändern.