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Start > Themen > Klima und Energie > Atomlüge

Schluss mit der Atomlüge

Nicht die Sorge um das Klima oder bezahlbare Energie treibt die AKW- Betreiber heute bei ihrer Forderung nach längeren Laufzeiten um. Das wollen sie uns nur weismachen. In Wahrheit will die Atomindustrie maximale Profite aus den alten, längst abgeschriebenen Meilern herausholen und gleichzeitig die Machtstrukturen auf dem Strommarkt für die Zukunft zementieren. Die Atomfrage war und ist immer auch eine Frage von Macht und Profit. Das hat sich seit Wyhl und Wackersdorf, seit Brokdorf und Kalkar nicht geändert.
Perfide ist auch die Taktik der AKW-Betreiber, vor Gericht die Übertragung von Laufzeiten neuerer AKWs auf ältere durchsetzen zu wollen, obwohl die Vereinbarung zum Atomausstieg – von den AKW-Betreibern selbst unterschrieben – genau das untersagt. Doch was schert die Energiekonzerne ihre Unterschrift von gestern? Ob RWE, EnBW oder Vattenfall – sie alle wollen ihre alten Schrottmeiler länger am Netz lassen, denn sie bringen mehr Profit. Dies würde bedeuten, dass Neuanlagen früher als geplant vom Netz gehen müssten. Dass das Unfallrisiko älterer Meiler besonders hoch ist, interessiert da offenbar nicht. Das ist zynisch.

 

Die Atomlügen
Nehmen wir die Strompreise: Da wird behauptet, längere AKW-Laufzeiten würden die Preise senken. Das Ökoinstitut hat jedoch ausgerechnet, dass eine Durchschnittsfamilie gerade einmal 12 bis 50 Cent im Monat sparen könnte, wenn man die Laufzeiten um 8 Jahre verlängern würde. Da bringt der Ersatz einer einzigen Glühbirne durch eine Energiesparlampe mehr! Dem AKW-Betreiber winkten dagegen bis zu 10 Mrd. Euro Zusatzgewinn pro Jahr Laufzeitverlängerung.
Mit idyllischen Werbeplakaten von Meilern auf der Blumenwiese will uns die Atomindustrie einreden, AKWs seien die eigentlichen Klimaschützer.
CDU-General Ronald Pofalla schwadroniert gar von der Atomkraft als neuer "Öko-Energie". Das ist wirklich hanebüchen. Atomkraft liefert weltweit nur 2,5% des Endenergiebedarfs. Wollte man den Klimagasausstoß weltweit mithilfe von Atomstrom spürbar verringern, dann bräuchte man 1.300 bis 5.000 neue AKWs in den nächsten Jahrzehnten – ein illusorisches, irrsinniges Szenario voller Gefahren und lebensgefährlicher Unwägbarkeiten. Denn eine rein friedliche Nutzung der Atomkraft gibt es nicht.
Wo AKWs laufen, besteht immer die Gefahr, dass Atomwaffen hergestellt werden. Atomenergie ist zudem alles andere als "CO2-frei". Die Klimaverträglichkeit der Atomenergie ist ein Mythos. Wird z. B. Uran aus Südafrika für deutschen Atomstrom verwendet, dann verursacht dies 126g CO2 pro erzeugter Kilowattstunde, vor allem wegen des energieaufwändigen Uran-Abbaus. Das ist 6 Mal mehr, als Windstrom verursacht und sogar mehr, als ein modernes Gas-Kraftwerk mit Wärmeauskopplung freisetzt. Und da AKWs nur Strom, aber keine Wärme liefern, wäre zusätzlich Energie zum Heizen aus fossilen Quellen erforderlich, was die Klimabilanz weiter verschlechtern würde. De facto schützt jede halbwegs effiziente Kraft-Wärme-Kopplungsanlage das Klima mehr als ein Atomkraftwerk.
Ebenfalls aus dem Reich der Sagen stammt die Behauptung der Atomlobby, man benötige die Atomkraftwerke angesichts einer drohenden Stromlücke. Diese Stromlücke ist eine Stromlüge (vgl. profil:GRÜN Juni 2008). Eine von RWE und E.ON bezahlte Studie schreckte vor kurzem die Öffentlichkeit mit der Prognose auf, in wenigen Jahren schon drohten Engpässe bei der Stromversorgung in Deutschland. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Berechnungen als frisiert: Erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplung werden herunter, der Strombedarf mit einigen Tricks hochgerechnet. Fertig ist die Lüge von einer 11.000 MW großen Stromlücke ab 2015. Unabhängige Studien des Öko-Instituts oder auch des Umweltbundesamtes kommen dagegen zu dem Schluss, dass im Jahr 2020 selbst mit dem Atomausstieg ein satter Überschuss an Stromerzeugungskapazitäten in Deutschland bleibt.
Es ist höchste Zeit, der Atomlobby entschieden entgegen zu treten. Ohne unseren Widerstand droht in Deutschland ein Rückfall in die Energiepolitik der 1970er Jahre – mit zentralistischer Stromerzeugung in klimaschädlichen Kohle- und gefährlichen Atomkraftwerken.
An den guten Gründen für den Ausstieg aus der Atomkraft hat sich seit damals nichts geändert. Die Atomlobby kann noch so oft wiederholen, deutsche Atomkraftwerke seien sicher, auch in Deutschland häufen sich Störfälle und Pannen, ob in Krümmel, Biblis, Brunsbüttel oder Philippsburg. Alte Meiler werden nun einmal von Jahr zu Jahr anfälliger für Unfälle.
Seit dem 11. September ist noch eine neue Gefahr hinzugekommen: Ein Terrorangriff auf ein AKW, und weite Teile unserer Republik würden im Chaos versinken. Von den als so sicher gelobten AKWs in Deutschland wären allein 4 schon durch den Absturz eines Kleinflugzeuges gefährdet. Dem gezielten Angriff eines Passagierflugzeugs hielte kein einziges deutsches Atomkraftwerk stand.
Doch diese Gefahr wird ebenso verdrängt wie ein anderes ungelöstes Problem:

 

Die Frage der Endlagerung
Allein 5.500 Tonnen hochradioaktiven Mülls befinden sich bereits heute in deutschen Zwischenlagern. Es bleibt die Frage: Wohin damit? Eine Lösung ist nicht in Sicht. Im inzwischen radioaktiv verseuchten 'Forschungsendlager' Asse zeigt sich gerade, wie das 'für die Ewigkeit' bestimmte Endlagerkonzept in Salzstöcken durch menschliche Planungsfehler, Inkompetenz und möglicherweise auch kriminelle Energie schon nach gut 30 Jahren absäuft. Diese Erkenntnis muss zwangsläufig auch Auswirkungen auf die weitere Erkundung des potenziellen Endlagers für hochradioaktive Abfälle im Salzstock bei Gorleben haben.

 

Renate Künast in Profil 10/2008