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Start > Themen > Integration und Bürgerrechte > Netzpolitischer Kongress
 

Grün vernetzt!

16.11.10 Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen der freie und gleichberechtigte Zugang zum Internet, die Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte, neue Ideen für Daten- und Verbraucherschutz, konsequente Green IT, offene Geschäftsmodelle im Netz und eine Informationsfreiheit 2.0 durch Open Data und Open Government.

  
Zwanzig Jahre nachdem Tim Berners-Lee am Genfer CERN die erste Webseite erstellte, lud die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des netzpolitischen Kongresses nicht nur zu Vorträgen, Podien und thematischen Workshops ein. Auch mit dem Barcamp - einer spontanen, selbstorganisierten Veranstaltungsform - betrat die Veranstaltung erfolgreich Neuland.
  
Das Netz muss grüner werden!
  
Die Fraktionsvorsitzende Renate Künast machte in ihrer Eröffnungsrede nachdrücklich darauf aufmerksam, dass On- und Offlinewelt miteinander verwoben und kaum noch zu trennen sind. Die Grünen wollen die Netzpolitik daher nicht denjenigen überlassen, die das Internet nur als anrüchige und kriminelle "digitale Hafenkneipe" ansehen. Das Netz muss grüner werden, seine Potenziale und Chancen müssen auch durch die Politik noch besser genutzt werden.
  
Die Fraktionsvorsitzende Renate Künast zeigte mit ihrer Rede die Leitlinien grüner NetzpolitikIm Paul-Löbe-Haus des Bundestages hatten sich über 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelt01_vonnotz
  
Leitlinien für die Netzpolitik
  
Im Anschluss an die einleitenden Worte des netzpolitischen Sprechers Konstantin von Notz markierte Künast die Leitlinien grüner Netzpolitik. Dazu gehören fairer Zugang, Barrierefreiheit, Netzneutralität, eine Informationsfreiheit 2.0 und ein ökonomisch vielfältiges Netz ohne Monopole. Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung sind eine Kapitulation vor Herausforderungen der Strafverfolgung im Internetzeitalter. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen muss mit einer internationalen Gesamtstrategie bekämpft werden, nicht mit nutzlosen Websperren.
 
Verbraucherinnen und Verbraucher haben ein Recht auf den Schutz ihrer Privatsphäre im Internet. Der europäische Datenschutz muss den Bedingungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden und auch für internationale Unternehmen gelten, wenn sie Nutzer in Deutschland haben. Datenschutz durch Technik ist Wirtschaftsfaktor, der durch die Etablierung eines Gütesiegels noch ausgebaut werden muss.
 
Das grüne Urheberrecht steht für einen ausgewogenen Interessenausgleich zwischen Kreativen und Nutzern. Pauschalvergütungsmodelle wie die Kulturflatrate sind ein Baustein für das Urheberrecht in einer vernetzten Welt.
   
Internetpolitik und Urheberrechtsreform über den Nationalstaat hinaus
   
Die New Yorker Soziologin Saskia Sassen zeigte in ihrem Vortrag die Möglichkeiten einer Politik jenseits des Nationalstaats auf, die sich zivilgesellschaftlichen Akteuren und digitalem Aktivismus durch das Internet immer wieder neu eröffnet. Reto Hilty, Urheberrechtsexperte am Münchner Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, plädierte anschließend nachdrücklich für eine am angloamerikanischen Copyright orientierte, international ausgerichtete Reform. Das veraltete kontinentaleuropäische Urheberrecht, so Hilty, darf der Nutzung des Internets als "schöner neuer Technologie" nicht im Weg stehen.
    
In der folgenden Podiumsdiskussion "Für ein neues Urheberrecht" mit Grünen-Parteivorstand Malte Spitz, der Enquetekommission-Sachverständigen Jeanette Hofmann, der Kulturmanagerin Christine Fuchs und dem Hamburger Justizsenator Till Steffen waren sich die Teilnehmenden einig, dass die Rechte von Urhebern und Nutzern zugleich gestärkt werden müssen.
 
Mit einem lockeren Gespräch zwischen der Parteivorsitzenden Claudia Roth und dem Musikmanager Tim Renner über alte Mixtapes, neue Bands und die Chancen der Musik im Netz klang der erste Tag des Kongresses aus.
   
Grüner gründen: offen, sozial, nachhaltig, ökologisch
 
Markus Beckedahl, Gründer des Blogs netzpolitik.org, zeigt mit seiner Präsentation eindrucksvoll, wie freie Software und Creative Commons-Lizenzen erfolgreiche offene Geschäftsmodelle hervorbringen. Nachhaltig, sozial und ökologisch funktioniert auch die Suchmaschine ecosia.org, deren Gewinne als Spenden an den WWF ausgeschüttet werden. Ecosias CEO Christian Kroll warnte dringlich vor einer Aufgabe der Netzneutralität und einer Priorisierung von Datenübertragung gegen Aufpreis. Gäbe es keine neutrale Datenübermittlung im Internet mehr, würden die Suchanfragen an ecosia dreimal langsamer bearbeitet werden, als bei Marktführern mit großen Finanzreserven.
 
Gegen Vorratsdatenspeicherung, für die Bürgerrechte
 
Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar hielt ein engagiertes Plädoyer für den Datenschutz, bekam aber auch viel Widerspruch zu seinem Kompromissvorschlag einer "kleinen" 14-tägigen anlasslosen Vorratsdatenspeicherung. Die grüne Position bleibt demgegenüber, dass eine anlasslose Vorratsdatenspeicherung unser Gemeinwesen in seinen Grundfesten beschädigt. Ein stetiges Misstrauen gegen Bürgerinnen und Bürger kann sich Demokratie nicht leisten.
 
"Braucht das Grundgesetz ein Update?", fragten wir Susanne Baer, Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität. Gerade zwei Tage vor dem Kongress war sie zur Verfassungsrichterin gewählt worden. Ihr Befund war eindeutig: Die Verfassung ist fit für das Internet, aber Training schadet nie, so Baer. Die Juristin rückte all jene in den Vordergrund, die nicht selbstverständlich am Internet teilhaben können. Ein Netzprekariat darf es weder in Deutschland, noch weltweit geben. Vor diesem Hintergrund sei ein Grundrecht auf Internetzugang erwägenswert. Ebenso sieht Baer den Staat als Gesetzgeber in der Pflicht, um die neutrale Datenübermittlung im Internet weiterhin zu gewährleisten.
 
Transparenter regieren und verwalten: Open Data und Open Government
 
Offene Daten sind ein kleiner Schritt für einen Hacker, aber ein großer Schritt für die Gesellschaft. Marleen Stikker, Präsidentin der Amsterdamer waag society, entwickelte in ihrem Vortrag Leitlinien für das Design öffentlicher Internetangebote. Sie erinnerte daran, dass die Daten von uns selbst, dem Volk, stammen. Maßstab der Gestaltung müssen die Bedürfnisse der User und privacy by design sein. Dabei muss deren Privatsphäre hundertprozentig gewahrt bleiben, schloss Kurt Opsahl, Anwalt bei der Electronic Frontier Foundation in San Francisco an Stikker an. Dies muss nicht nur für Open Government-Plattformen selbstverständlich sein, denn "Privatsphäre ist ein universelles Menschenrecht, das auch online garantiert werden muss".
 
Offenheit und Teilhabe sind Bedingung für Demokratie online
 
Annette Mühlberg, eGovernment-Expertin bei ver.di, bestand in der abschließenden Podiumsdiskussion auch auf der analogen Interaktion als Grundlage von Bürgerhaushalten und transparenter Verwaltung. Der Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin erinnerte daran, dass im Falle des deutschen Umweltinformationsgesetzes die Veröffentlichung der Daten bereits gesetzlich verpflichtend ist. Über die Tradition des preußischen Amtsgeheimnisses muss im Internetzeitalter hinweggegangen werden.
 
Einen netzpolitischen Diskurs jenseits der Sicherheitspolitik wagen
 
Für die rege Beteiligung, den gelungenen Austausch und die vielfachen Anregungen während des Kongresses sind wir sehr dankbar. Die grüne Bundestagsfraktion wird den Dialog um die Netzpolitik weiter in aller Offenheit fortführen. Wir werden dazu verstärkt auf partizipatorische Beteiligungsformen setzen, vom online zur Konsultation gestellten Gesetzesentwurf bis hin zum basisdemokratischen Barcamp. Der Kongress hat das netzpolitische Labor eröffnet. Jetzt liegt es an uns allen, Gesellschaft gemeinsam digital zu gestalten.
 

http://www.youtube.com/watch?v=4Z7WBa5sfzo