03.11.10 Ein PraktikerInnen-Gespräch der grünen Bundestagsfraktion


Fachgespräch "Integration – Wer verweigert hier was?" am 1. November in Berlin
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Unselige Gastarbeiter-Politik
Einführend wies die Fraktionsvorsitzende Renate Künast darauf hin, dass die unselige Gastarbeiter-Politik nicht anderes gewesen ist, als eine Form jahrzehntelanger Integrationsverweigerung – und zwar durch den Staat! Die daraus erwachsenen Integrationsprobleme hätten nicht die Grünen, sondern Union, FDP – aber auch die SPD – zu verantworten. "Wir leben längst in einer multikulturellen Gesellschaft – auch wenn die Konservativen davor die Augen verschließen." Künast sagte, es kommt nun darauf an, eine "multikulturellen Demokratie" zu entwickeln: Ein Zusammenleben, das aufbaut auf der deutschen Sprache und auf den Werten – nicht einer verschwiemelten Leitkultur – sondern unserer Verfassung. Auch ZuwanderInnen muss endlich der bildungsmäßige und berufliche Aufstieg ermöglicht werden. Denn, unser Ziel ist es, dass sich möglichst viele von ihnen einbürgern lassen, als Zeichen der Identifikation mit unserer Gesellschaft. Von einem solchen Ansatz – wie ihn die grüne Bundestagfraktion in ihrem Integrationskonzept 2006 beschlossen hat – ist die schwarz-gelbe Integrationspolitik noch Lichtjahre entfernt.
Erfolgsgeschichte Integrationskurse
Die ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth (CDU) hielt der Bundesregierung vor, sich der "Realität des multikulturellen Zusammenlebens in Deutschland zu verweigern." Wer vermeintliche "Integrationsverweigerer" ins Visier nähme, will nichts anderes, als mithilfe von "Sündenböcken" von eigenen Versäumnissen abzulenken. Als Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes wies Professor Süssmuth auch auf die vielfältigen finanziellen Probleme bei den Integrationskursen hin. Dennoch bestätigte sie den Kurse unzweifelhaft eine "Erfolgsgeschichte" - immerhin haben, überwiegend aus eigenem Antrieb, über 700.000 MigrantInnen daran teilgenommen. Süssmuth forderte den Ausbau des Kursangebots sowie eine bessere Vergütung und Qualifizierung der LehrerInnen.
Das multikulturelle Klassenzimmer
Im Rahmen des von der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Ekin Deligöz moderierten 1. Panels, beschäftigten wir uns mit den Herausforderungen im multikulturellen Klassenzimmer. Dietmar Pagel, der Leiter der Berliner "Hector Peterson Sekundarschule", analysierte Berichte über sogenannte. Deutschenfeindlichkeit an seiner Schule: Ja, Beleidigungen sind dort "an der Tagesordnung". Aber Beschimpfungen richten sich nicht nur gegen die wenigen deutschen SchülerInnen - was schlimm genug sei, so Pagel. Ers stellte fest, auf deutschen Schulhöfen wird am häufigsten über Schwule und Lesben hergezogen – und das von SchülerInnen unabhängig vom Migrationshintergrund! Die Ursachen dafür sieht Pagel darin, dass bei vielen seiner SchülerInnen negative Umstände kumulierten:
- die Erfahrung mitunter generationen-übergreifender Arbeitslosigkeit;
- die Bildungsferne und pädagogische Überforderung der Eltern sowie
- ein Bildungssystem, das auf ein multikulturelles Zusammenleben immer noch nicht eingestellt ist und das daran scheitert, die Voraussetzungen für einen leistungsbezogenen sozialen Aufstieg tatsächlich zu ermöglichen.
- Diskriminierung: Eine duale Ausbildung bleibe trotz Abschluss den meisten versperrt
Problematisch wird es, stellte der Lehrer fest, wenn SchülerInnen, die sich angesichts sozialer Perspektivlosigkeit auf die kulturelle und religiöse Herkunft der Eltern und Großeltern zurück besinnen und dies verbinden mit einer von völliger Ahnungslosigkeit geprägten Übernahme angeblich islamischer Vorschriften. Vor diesem Hintergrund forderte Dietmar Pagel dringend ein aufklärerisches islamisches Bildungsangebot an Schulen.
Sylvia Selke von der PH Heidelberg berichtete, dass es im Rahmen ihres Forschungsprojekts "Kooperation mit Zuwanderer-Eltern" eine verlässliche Kooperation auch mit bildungsfernen Eltern möglich gewesen ist, wenn hier das gemeinsame Interesse am Wohlbefinden und der Weiterentwicklung des jeweiligen Kindes im Zentrum der Eltern-Ansprache stand.
In den Augen von Sanem Kleff (von der Initiative "Schule ohne Rassismus") ist es die aufnehmende Gesellschaft, die den Bildungseinrichtungen die notwendigen Strukturreformen, Veränderungen in der LehrerInnenausbildung und schlichtweg das Geld verweigert hat. Bis heute ist die Arbeit mit Kindern, deren Muttersprache nicht deutsch ist, kein verbindlicher Teil der LehrerInnenausbildung. Sozialer Aufstieg wird häufig verbaut.
Projekte gegen Dominanzverhalten und Gewalt
In dem vom stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Josef Winkler moderierten 2. Panel ging es um ausgrenzendes Dominanzverhalten und Kriminalität im multikulturellen Straßenbild. Anett Schlehahn von dem "Arbeitsgebiet Integration und Migration" der Berliner Polizei berichtete von ihren Erfahrungen aus der Präventionsarbeit in den Berliner Bezirken Neukölln und Kreuzberg: Ihre polizeiliche Arbeitsgruppe steht im ständigen Kontakt mit rund 80 MigrantInnenvereinen und Moscheegemeinden. Dabei geht es um das Kennenlernen, den Abbau von gegenseitigen Vorurteilen und die Nutzung der Kompetenzen von Migrantenorganisationen zur Konfliktmoderation und –lösung im Bezirk. Die Ursachen der Konflikte auf der Straße liegen, so Schlehahn, in der sozialen und bildungsmäßigen Desintegration – aber auch bei dem oftmals unsicheren aufenthaltsrechtlichen Status der Betroffenen (also insbesondere den elenden Kettenduldungen). "Der" Islam ist weniger das Problem, sondern die religiöse Unkenntnis derjenigen, die versuchen, ihr provokatives Verhalten mit "dem" Islam zu rechtfertigen.
Kazim Erdogan berichtete von der Aufbauarbeit der bundesweit ersten – und sehr erfolgreichen - türkischen Männergruppe in Neukölln ("VäterAufbruch Neukölln e. V. "). Inzwischen gibt es in anderen deutschen Städten die ersten Nachahmerprojekte. Elementar für ihn ist aber die Überwindung der gegenseitigen Sprachlosigkeit.
Kemal Özbasi von dem Berliner Straßensozialarbeits-Projekte "Gangway" erzählte davon, dass - gerade für sozial deklassierte Jugendliche - provokatives beziehungsweise gewalttätiges Verhalten ein "billiges und ständig verfügbares Mittel" ist, um gesellschaftliche oder mediale Aufmerksamkeit zu erhalten – die ihnen sonst verwehrt bleibt. Özbasi sieht wie sehr die Jugendlichen auf der Straße die Sarrazin-Debatte als erneute und tiefgreifende Ausgrenzungserfahrung erleben.
Wolfgang Malik stellte das Offenbacher "Boxprojekt Nordend" vor (das sich übrigens auch an Mädchen richtet): Bei ihnen ist zum Beispiel dem eigentlichen Boxtraining ein obligatorischer Nachhilfeunterricht vor- und eine Prise Yoga nachgeschaltet! Zudem fördere das Boxprojekt Praktika und Ausbildungen in Berufen, wo männliche Vorbilder gebraucht werden (zum Beispiel als Erzieher).
Die soziale Stadt
Das 3. Panel, moderiert vom integrationspolitischen Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Memet Kilic, beschäftigte sich mit der Fragestellung, aus welchen Gründen MigrantInnen sich mitunter zurückziehen in bestimmte Stadtviertel oder Communities – und welche Gegenstrategien sich als erfolgversprechend erwiesen hätten.
Als erstes berichtete Helmuth Schweitzer vom "Büro für interkulturelle Arbeit" in Essen, der dort integrationspolitisch zentralen kommunalen Steuerungseinheit: Für ihn ist die Frage der sozialen Durchlässigkeit der zentrale Begriff der laufenden, ausgrenzenden Integrationsdebatte:
- Zum einen ist der Öffentliche Dienst auf ein multikulturelles Zusammenleben nicht vorbereitet. Man setze dort immer noch viel zu sehr auf Ausgrenzung und Assimilation.
- Die heftigen Reaktionen in der gegenwärtigen Diskussion sind für Schweitzer eine Form der aggressiven Verteidigung sozialer Privilegien – angesichts dessen, dass erfolgreiche MigrantInnen den Sprung in die bislang rein deutsche Mittelschicht geschafft hätten.
Einen anderen Zugang wählten Ali Sirin vom Quartiersmanagement "Nordstadt-Hafen" in Dortmund und Angelika Greisvom Quartiersmanagement "Düttmann-Siedlung" in Berlin-Kreuzberg: Gerade angesichts der schwarz-gelben Kürzungen von Integrationsprojekten im Bereich des "Bundesprogramms Soziale Stadt, wiesen sie auf den immensen Bedarf in ihren Stadtvierteln an Sprachförderung und gesellschaftlicher Orientierung hin – insbesondere wenn man tagtäglich mit dem ganzen Ausmaß der sozialen Deklassierung und der aufenthaltsrechtlichen Probleme der BewohnerInnen konfrontiert ist.
Josef Winkler fasste für die Fraktion zusammen, dass die schwarz-gelbe Realitätsverweigerung, dass Symbolpolitik oder Kürzungen im Integrationsbereich niemandem weiterhelfen. Wir Grünen zeigen gegen eine auf Stigmatisierung und Ausgrenzung statt auf Lösungen setzende Politik weiterhin klare Kante.