Aigner hüpft zu kurz
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29.12.10: Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe von der TU Dresden, hält Tempolimits durchaus für mehrheitsfähig.
Professor Schlag, die Grüne Renate Künast will Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Zu Beginn ihrer Kampagne hat sie sich für Tempo 30 als Geschwindigkeitsbegrenzung im Berliner Stadtgebiet ausgesprochen. Das gab gleich Ärger. Ist Künast auf dem falschen Dampfer?
Nein, überhaupt nicht. Der Deutsche Städtetag hat Tempo 30 als Geschwindigkeit in den Städten schon 1986 gefordert. Die Diskussion war damals schon weiter als heute. Aber wir vom Wissenschaftlichen Beirat des Bundesverkehrsministeriums hoffen, dass wir die Debatte nun wieder neu angestoßen haben.
Welche Vorteile bringt denn Tempo 30?
Es gab viele Belege dafür, dass Tempo 30 in den Städten zum einen den Verkehr sicherer und zum anderen die Städte lebenswerter machen kann. Beides ist sicherlich Grund genug, darüber nachzudenken, ob man das nicht als grundlegende Geschwindigkeit in den Städten vereinbaren sollte.
Würde das bedeuten, dass man beispielsweise auf allen Hauptverkehrsstraßen in Dresden nur noch 30 fährt?
Nein, es geht darum, die Beweislast umzukehren. Heute müssen die Städte begründen, warum im Ausnahmefall langsamer als 50 gefahren werden muss. Künftig müsste jeweils begründet werden, warum irgendwo schneller gefahren werden darf. Es wird sicherlich so sein, dass auf einigen Strecken, die hohe Verkehrsbedeutung haben, 50 erlaubt sein wird. Es wird auch einzelne Strecken geben, wo eine hohe Verkehrsbedeutung mit wenig Anwohnern und wenig Fußgängerverkehr zusammentrifft, wo dann vielleicht auch 70 ermöglicht werden kann. Das ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Aber es muss begründet werden.
Der Wissenschaftliche Beirat empfiehlt auch Tempo 130 auf Autobahnen. Da geht ein Aufschrei durch die Gesellschaft…
Ich will betonen, dass das Tempolimit nur eine von 40 Empfehlungen ist, die wir abgegeben haben.
Es geht beispielsweise auch um Verkehrsvermeidung, sicherere Straßen und bessere Verkehrsleitsysteme, die mehr Sicherheit schaffen sollen.
Genau. Wir schlagen ein großes Bündel von Maßnahmen vor, durch die sich die Zahl der Verkehrstoten bis zum Jahr 2020 auf unter 2000 halbieren ließe. Allein mit einem Tempolimit lässt sich das nicht erreichen. Aber die Geschwindigkeitsregeln finden natürlich größere Resonanz in der Öffentlichkeit.
Bei Tempo 130 auf Autobahnen geht es darum, dass Deutschland sich allmählich in die internationalen Gepflogenheiten integriert. Um uns herum gibt es kein Land, das noch eine freie Geschwindigkeitswahl auf den Autobahnen gestattet – auch wenn vielfach bei uns ebenfalls Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten. Aber das Prinzip, dass jeder so schnell fahren kann, wie er es wünscht, stammt aus dem vorigen Jahrhundert. Da muss sich Deutschland integrieren in das, was sich in den anderen Ländern bewährt hat.
Sie sind Verkehrspsychologe. Wie erklären Sie die Empörung über mögliche Geschwindigkeitsbegrenzungen?
Naja, ich bezweifle, dass es überhaupt so einen großen Aufschrei gibt. In den Medien wird das thematisiert, aber wenn Sie die Bürger im europäischen Kontext danach fragen, was von Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten wird, dann ist das überhaupt nicht so negativ. 130 in Deutschland ist, wenn Sie die Gesamtbevölkerung befragen, vermutlich etwas, was zwei Drittel der Bevölkerung akzeptieren würden. Aber offensichtlich artikulieren sich sehr stark Menschen, die etwas dagegen haben. Und das ist wiederum psychologisch gut verständlich. Diejenigen, die etwas nicht gut finden, sagen das immer deutlicher als die, die etwas gut finden.
Das heißt, die Berliner und Dresdner sind in Wahrheit für Tempo 30?
Ich glaube, dass Tempo 30 in der Form, wie wir es vorschlagen – eben als Umkehr des Begründungszusammenhangs –, keineswegs so negativ gesehen wird. Ich glaube, dass das in den Medien überpointiert dargestellt wird. Ich glaube, dass die Akzeptanz steigt. Man erkennt, dass überhöhte Geschwindigkeit eine Gefährdung im Alltag ist, und man möchte diese Gefährdung nicht. Man erwartet sogar, dass man davor geschützt wird.
Ist die Welt, in der in Städten in der Regel 30, auf Autobahnen in der Regel 130 gefahren werden darf, eine angenehmere, entspanntere Welt?
Ja, das ist meines Erachtens so. Es ist eine entspanntere Welt, es ist eine Welt, die möglicherweise auch lebensbejahender ist, die nicht mehr unbedingt nur dem eigenen Vorteil nachhastet. Aber es wäre falsch, diese Möglichkeit nun allein an eine Geschwindigkeitsreduktion zu knüpfen. Aber sie wäre ein Bestandteil von einer anderen Auffassung des Zusammenlebens.
Bundesverkehrsminister Ramsauer hat auf die Empfehlungen des Beirats mit der Äußerung reagiert, er wolle „Mobilität ermöglichen statt sie zu verhindern“. Das klingt nicht danach, als würden Sie bei ihm auf offene Ohren stoßen.
Es stimmt, der Verkehrsminister hat zu unseren Vorschlägen in Richtung Temporegelungen negativ Stellung genommen. Andere Anregungen fand er hingegen sehr gut. Ganz im Gegensatz zum Verkehrsminister bin ich allerdings der Meinung, dass wir mit solchen Regelungen Mobilität erhalten. Und zwar besser als dadurch, dass wir sie übermäßig riskant machen.
Und das bedeutet nicht, dass unsere Industrie- und Mobilitätsgesellschaft darunter leiden würde?
Nein, auch nicht die Wettbewerbsfähigkeit der Automobilindustrie. Die deutschen Autos verkaufen sich bekanntermaßen auch in Ländern sehr gut, die seit 30 oder 40 Jahren Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen haben.
Würden Sie sich wünschen, dass Verkehrspolitiker weniger reflexartig auf das Tempolimit-Thema reagieren? Offensichtlich hat ja jeder Angst, sich daran die Finger zu verbrennen.
Ich würde mir definitiv wünschen, dass Verkehrspolitiker nachdenklicher werden. Das Thema Geschwindigkeitsbegrenzung ist leider symbolisch überfrachtet. Von unserer Seite, von der Seite des wissenschaftlichen Beirates, ist allerdings auch klar artikuliert worden, dass man natürlich die Wünsche der Bevölkerung berücksichtigen muss. Man kann nicht Regeln gegen eine große Mehrheit der Bevölkerung durchsetzen. Da muss man schon den mühsamen Weg gehen, zunächst mal Akzeptanz zu schaffen. Ansonsten wird sich nämlich an die Regeln hinterher auch nicht gehalten. Ich glaube aber, dass Politiker durchaus ein positives Profil gewinnen können, indem sie Akzeptanz für solche Regelungen schaffen.
Das Gespräch führte Sven Siebert